Krankheit
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Spinnt Gott eigentlich und gibt es Gott überhaupt?

Gibt es Gott überhaupt?

Zu Anfang möchte ich eins klarstellen, dies soll keine Debatte über Religionen oder den Glauben im allgemeinen auslösen. In diesem Artikel möchte ich nur über meine ganz persönlichen Gefühle schreiben die ich, in den einzelnen Phasen seit Elai’s Geburt, durchlebt habe. Es handelt sich ausschließlich um meine Gedanken und meine Gefühle.

Gott? Ich kenne keinen Gott

In der ersten Zeit nach Elai’s Geburt war alles ziemlich turbulent. Alles passierte so schnell und ich hatte keine Zeit es zu verstehen. Es war als stünde mein Leben still. Das der anderen ging weiter. Alle schienen glücklich zu sein. Nur ich nicht. Von dem einen Moment auf den anderen war nichts mehr, wie es vorher war. Mein ach so perfektes Leben war vorbei. Geschichte. Jetzt war mein Leben scheiße. Ich hatte ein behindertes Kind am Bein. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt und ich hatte es im Universum auch ganz sicher anders bestellt. Verdammt. Hat mich eigentlich jemand gefragt, ob ich das will?!

In dieser Phase habe ich keinen Gedanken an Gott verschwendet. Das ging auch gar nicht. Das hätte zu viele Fragen aufgeworfen. Dafür hatte ich einfach keine Zeit.

Spinnt Gott jetzt total?

In der Phase nach Elai’s erster großen OP und dem damit verbundenem künstlichen Koma, hatte ich ab und zu Zeit nachzudenken. Und da kam Gott dann auch vor.

Vorab sollte ich vielleicht erklären, dass ich prinzipiell an Gott glaube. Ich bin aber nicht streng gläubig sondern sehr flexibel in meinem Glauben. Aber das es Gott gibt, glaubte ich schon.

Jetzt saß ich also bei meinem Sohn am Krankenbett. Eigentlich sollte es von nun an nur noch Berg auf gehen. Doch leider passierte das nicht. Ganz im Gegenteil. Elai ging es gar nicht gut. Er hatte täglich Erstickungsanfälle und musste bebeutelt werden. Ich war immer bei ihm. Auch wenn er schlief. Und da saß ich nun an seinem Bett und fragte mich, warum? Warum passiert das? Warum passiert es mir? Und was verdammt noch mal hat sich Gott dabei gedacht? Ich könnte es ja verstehen, wenn er mich bestrafen wollen würde. Für meine Sünden… Aber was soll dieser kleine Wurm getan haben, das er so etwas verdient hat. Wie kann man so einem kleinen, zerbrechlichem Wesen so etwas grausames antun. Wie kann man ein Baby, Tag für Tag, mit dem Tod ringen lassen? Wenn es Gott gibt, warum hat er verdammt noch mal so etwas getan? Dafür kann es keinen Grund oder gar eine Erklärung geben.

Hier hat Gott wirklich Scheiße gebaut. Und noch schlimmer. Er hat es versaut und ich soll es ausbaden!? Hat mich einer gefragt ob ich das will? Ob ich das überhaupt schaffen kann? Ob ich nicht vielleicht doch daran zerbreche? Wie kann es sein, das Gott mir mein perfektes Leben zerstört? WARUM? Was habe ich getan? Und was hat mein unschuldiger Sohn getan?

Ich habe Gott gehasst! Ich habe ihn verflucht! Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich ihn gehasst habe. Und das war der Zeitpunkt, an dem ich nicht mehr an ihn geglaubt habe.

Gott gibt es gar nicht!

Denn Gott würde so etwas nicht tun. Gott, der über allem steht, der voller Güte und Liebe ist würde so etwas nicht tun. Er würde meinen Sohn nicht so leiden lassen. Oder ihn zumindest von seinen Leiden erlösen. Auf die eine oder andere Art. Aber er würde ihn nicht Tag für Tag durch die Hölle gehen lassen.

Die Schwestern haben immer gesagt: „Ihr Sohn hat wieder beim lieben Gott an der Tür geklopft.“ Warum hat Gott ihn denn nicht rein gelassen? Warum hat er ihn wieder und wieder zurück geschickt und ihn genau die gleichen Qualen wieder durchleben lassen? Ganz einfach. Weil es keinen Gott gibt. Gott würde so etwas niemals tun.
Zu dieser Zeit, war das ganz klar für mich. Es gab auch keinen Zweifel. Gott existiert nicht!

Heute glaube ich wieder!

Nachdem jetzt einige Zeit vergangen ist und es Elai deutlich besser geht, habe ich mir viele Gedanken zu diesem Thema gemacht. Denn auch wenn ich weiß, dass es Quatsch ist, so versuche ich mir immer wieder die Frage nach dem „Warum?“ zu beantworten. Es gibt keine Antwort. Aber ich habe meinen eigenen Frieden gefunden. Ich habe für mich selber eine Erklärung gefunden, mit der ich Leben kann. Aus der ich sogar Kraft ziehen kann.

Ich glaube es gibt Gott. Ich glaube das war sein Plan. Sehr viele Leute haben mir gesagt, dass Kinder wie der Elai sich ihre Eltern aussuchen. Das diese Eltern die Kraft und die Liebe haben dies durch zu stehen. Ich habe das so sehr gehasst. Denn ich war mich sicher, dass ich das nicht schaffen kann. Ich war sicher an den Schmerzen zu Grunde zu gehen oder gar daran zu sterben. Ich wusste, ich kann das gar nicht schaffen. Tja, ich habe es dennoch geschafft. Zumindest bis heute. Und ich habe es sogar ganz gut geschafft. Ich bin über mich selber hinaus gewachsen.
Natürlich kann man auch viel einfacher über sich hinaus wachsen. Dafür muss sich ein Kind nicht so quälen. Aber heute glaube ich, das es Kinder wie Elai geben muss. Denn wir können von Ihnen so viel lernen. Sie sind etwas so besonderes.

Ich habe z.B. gelernt, das Gesundheit und glücklich sein, nicht zwingend zueinander gehören. Früher war das für mich ganz klar. Wer krank ist kann nicht glücklich sein. Mein Sohn hat oft um sein Leben gekämpft und dabei war er immer das glücklichste Kind das wir kennen. Er kann gerade wieder Reanimiert worden sein und er hat einen trotzdem über beide Ohren angestrahlt. Ich würde nicht sagen es spielt gar keine Rolle ob man gesund ist oder eben nicht. Aber wenn man es selber möchte, dann spielt die Krankheit nur eine ganz kleine Rolle und man kann trotzdem glücklich sein.

Ich habe außerdem gelernt, demütiger zu sein. Das Leben anders wahrzunehmen. Nicht alles als selbstverständlich anzusehen. Das ganze Leid um mich drum herum zu sehen. Denn normalerweise habe ich das immer ganz gut verdrängt.
Ich habe gelernt meinem Kind zu vertrauen und auch mir mehr zuzutrauen.
Ich habe auch gelernt, was extremer seelischer Schmerz bedeutet. Aber auch, wie man damit umgehen kann.
Das man es durchaus schaffen kann. Ich habe heute schon so unglaublich viel von meinem Sohn gelernt.

Und so ergeht es nicht nur mir. Menschen, die sich auf Elai einlassen, lernen auch von ihm. Außerdem kann er einen unglaublich viel Kraft geben. Wenn unbeteiligte seine Geschichte hören und ihn dann heute sehen, so voller Lebensfreude, dann schöpfen sie daraus unheimlich viel Kraft und sind dem Leben gegenüber demütiger.

Ich glaube das war Gottes Plan. Uns einen kleinen Menschen zu schicken, der so viel stärker ist als wir, von dem wir so unendlich viel lernen können, wenn wir es wollen. Ich glaube, Gott schickt solch besondere Kinder damit wir von ihnen lernen. Heute bin ich stolz so ein Kind zu haben. Ein Kind das den Menschen so viel geben kann.

Am Ende möchte ich noch sagen, dass das alles in erster Linie nur für mich gilt. Ich weiß das es viele Menschen gibt, die das alles ganz anders sehen. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mit Krankheiten nicht so umgehen können. Aber ich habe meinen Frieden gefunden und kann das Leben wieder genießen.

Mein persönliches Fazit

Ich habe wohl alle Phasen durch. Von, ich glaube nicht an Gott, über ich hasse Gott und zweifel an ihm bis hin zu, ich glaube wieder. Am Ende des Tages ist es aber nicht wichtig ob wir an Gott glauben oder nicht und ob er an allem Schuld ist oder das Schicksal. Wichtig ist was wir daraus machen! Es liegt in unserer Verantwortung das Beste aus unserem Leben zu machen. Sich nicht hängen zu lassen und sich einen Weg raus aus dem Dunklen zu suchen. Als ich mich dazu entschieden habe Kinder in diese Welt zu setzten, habe ich automatisch auch die Verantwortung für ihr Leben übernommen. Das sie glücklich sind. Denn das ist zumindest in meinen Augen, ein ganz wichtiger Teil des Lebens. Glücklich sein!

Elai’s Mama

6 Kommentare

  1. Huhu, ich fühle mich gerade so um die 25 Jahre zurückversetzt. All das was Du hier beschreibst, habe ich auch durchgemacht, angefangen von “ Warum ich, warum müssen meine Kinder so leiden“ Ich ging in die Kirche und habe gebetet, ich habe gefleht und ich habe gehadert. Der Glaube an Gott hat gesiegt, bis zu dem Tag an dem Alexander tot im Bett lag. Seit diesem Tag gibt es für mich keinen Gott mehr. Sicher könnte ich heute sagen ( sind ja schon gute 20 Jahre her) Alexander hat es jetzt besser, aber mal ehrlich, ich kann es nicht. Es hat mir mein Innerstes zerbrochen und Gott hat es zugelassen, daß er 9 Jahre leiden mußte. Es gab Höhen und Tiefen. Er war ein Strahlemann, immer mit einem Lächeln im Gesicht und unheimlich dankbar.
    Sorry, für mein geschreibsel, eigentlich wollte ich Dir doch mut machen.
    Liebe Grüße
    Ulrike

    • Meine Mama sagt

      Liebe Ulrike,
      ich kann dich nur zu gut verstehen. Ich denke, wenn Elai oder auch unsere Tochter von uns gehen würden, dann würde ich wahrscheinlch auch nicht mehr glauben. Es gibt keine Erklärung dafür warum unseren unschuldigen kleinen Kinder so leiden und sterben müssen.
      Es tut mir für dich, Alexander, deinen Mann und deinen beiden anderen Kindern unendlich leid, was ihr durchmachen musstet! Ich hoffe so sehr, dass wir davon verschont bleiben. Ich glaube das könnte ich nicht schaffen.
      Ganz liebe Grüße
      Elai`s Mama

  2. Karoline Wagner sagt

    Das ist sehr, sehr schön geschrieben, so kann ich mir das auch vorstellen. Aber die Foto’s die ich von Elai und seiner Schwester gesehen habe, sind auch einfach nur SPITZE. Ich denke, ich sehe ganz glückliche Kinder, wobei die Eltern dazu beigetragen haben!!!!!!

  3. Ein toller Artikel – er schreibt mir aus dem Herzen. Vielen Dank!

    Unser Motto ist: Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, Weitergehen.

    • Meine Mama sagt

      Hallo Kathrin,
      vielen Dank! Er ist auch aus meinem Herzen ;-)!
      Ein super Motto habt ihr.
      Es grüßt
      Elai`s Mama

  4. Fanie sagt

    Ich kann mir gut vorstellen, wie du dich fühlst. Ich fühle mit! Elais Entwicklung ist wunderbar, wie er die Kommunikation mit euch beibringt, damit ihr ihn verstehen könnt. Ich glaube ganz fest an Elai, wie er sein Leben alles durch schaffen wird. Er wird ein normales Leben führen genauso wie ich! Elai ist ein wunderbares und besonderes Kind für mich! Ich mag ihn sehr!

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